Zusammenfassung
Mehr als zwei Drittel der weltweiten Faserproduktion entfallen derzeit auf kostengünstige, fossile Synthetikfasern. Um den Wandel hin zu einer biobasierten Kreislaufwirtschaft im Textilsektor voranzutreiben, muss diese Abhängigkeit drastisch reduziert werden. Ein vielversprechender Ansatz hierfür ist der verstärkte Einsatz von Naturfasern. Davon entfallen aktuell rund 78 % des Marktes auf Baumwolle. Obwohl Baumwolle hervorragende textile Eigenschaften besitzt, ist ihr Anbau oft mit einem enormen Wasserverbrauch sowie einem intensiven Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln verbunden. Vor diesem Hintergrund bieten Pflanzenfasern eine vielversprechende Alternative. Pflanzenfasern wie Hanf zeichnen sich durch gute mechanische Eigenschaften aus, benötigen jedoch im Vergleich zu Baumwolle deutlich weniger Wasser und agrochemische Hilfsstoffe. Allerdings enthalten sie nicht-cellulosische Bestandteile wie Pektine, welche die Elementarfasern zu Bündeln verkleben und die Weiterverarbeitung zu Textilien erschweren. Die kontrollierte Entfernung dieser Begleitstoffe – das sogenannte Degummierung – ist daher zwingend erforderlich, um die Fasern für textile Anwendungen nutzbar zu machen. Dieser Prozess stellt jedoch eine zentrale technologische Hürde dar: Die Faserauftrennung und -flexibilität müssen optimiert werden, ohne dabei die inhärente Faserfestigkeit zu beeinträchtigen. Um diese Herausforderung zu bewältigen, ist ein systematischer Abgleich zwischen den spezifischen Pflanzenfasereigenschaften, den textilen Anforderungen und den verfügbaren Degummierungstechnologien notwendig. Das vorliegende White Paper erarbeitet hierzu die wissenschaftlichen Grundlagen für eine nachhaltige Degummierung von Pflanzenfasern in der Textilindustrie. Die Analyse berücksichtigt die Faserzusammensetzung, die Chemie der Pflanzenkitte, die strukturellen Eigenschaften sowie bereits etablierte Degummierungsverfahren. Auf Basis der materialseitigen Einflussfaktoren, die den Faserzusammenhalt, die Separation und die Verarbeitbarkeit bestimmen, wird ein präzises Anforderungsprofil für den Degummierungsprozess definiert. An diesem Zielprofil werden anschließend konventionelle Benchmark-Verfahren sowie alternative, nachhaltige Routen gemessen. Das resultierende Framework zeigt die zentralen interdisziplinären Forschungslücken auf und verdeutlicht, wie die komplementäre Expertise innerhalb des BioSC gebündelt werden kann, um ein eigenständiges Forschungsprofil im Bereich der nachhaltigen Pflanzenfaserverarbeitung zu etablieren.
Dr. -Ing. Leonie Beek, ITA - Institut für Textiltechnik, RWTH Aachen
Dr. Phillip M. Grande, IBG-2: Pflanzenwissenschaften, Forschungszentrum Jülich
01.07.2026 - 31.12.2026
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