Forschen • Ausbilden • Vernetzen
Für eine nachhaltige Bioökonomie

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Für eine nachhaltige Bioökonomie
Sommersemester 2026: Öffentliche Ringvorlesung und Innovation Challenge des Lehr- und Forschungsgebiets Ökonomie der Nachhaltigkeit der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften

"Meet the Circular Economy - Nachhaltige Innovation in der Praxis"

Geleitet von Prof. Dr. Sandra Venghaus in Kooperation mit Prof. Dr. Ulrich Schurr
Unterstützt von: Bioeconomy Science Center | Koordinierungsstelle BioökonomieREVIER | RWTH Center for Circular Economy
©Forschungszentrum Jülich

Die Menschheit verbraucht langfristig mehr natürliche Ressourcen als auf unserem Planeten vorhanden sind, insbesondere in den Industrieländern. Eine große Chance, nachhaltiger zu produzieren und zu konsumieren, bietet das Konzept der Kreislaufwirtschaft. Dazu fand im Sommersemester 2026 zum fünften Mal die Ringvorlesung “Meet the Circular Economy” statt.

Insgesamt elf Unternehmen stellten ihre Nachhaltigkeitskonzepte vor und gaben Einblicke in die Herausforderungen bei der Entwicklung und Umsetzung kreislauforientierter und biobasierter Prozesse. Dabei waren Global Player ebenso vertreten wie Start-Ups und mittelständische Unternehmen. Die Themen umfassten etwa die Dekarbonisierung der Zementindustrie, das chemische Recycling von PET-Textilfasern oder nachhaltige Prozesstechnologien für die Nahrungsmittelproduktion und die Verwertung der dort anfallenden Restströme.

Bei der abschließenden Innovation Challenge traten die Studierenden am 21. Juli in Teams gegeneinander an und präsentierten Lösungsansätze für aktuelle Herausforderungen der beteiligten Unternehmen. Die Jury aus Prof. Dr. Ingar Janzik (FH Aachen/ FZ Jülich/BioSC), Dr. Florian Siekmann (FZ Jülich) sowie Dr. Tobias Recker und Jeffrey Momoh (beide RWTH Innovation GmbH) zeichnete die drei besten Teams auf der Grundlage von Kreativität, Machbarkeit und Qualität der Präsentation aus.

Als Gewinner wurden Alexander Dreier, Oscar Pochhammer und Jan Kietzmann ausgezeichnet, die eine Challenge der Firma Covestro bearbeitet hatten. Sie präsentierten ein Konzept, das das chemische Recycling von Schaumstoffmatratzen für die Herstellung neuer Matratzen im großen Maßstab ermöglichen soll. Dafür identifizierten sie Firmen, die das Sammmeln und Schreddern gebrauchter Schaumstoffmatratzen und das Fraktionieren des Schredderguts schon heute anbieten, und analysierten die Kooperationsmöglichkeiten für Covestro.

Platz zwei belegten Selin Karaykas, Marc Lauszus und Sarah Samens für die Bearbeitung einer Challenge der Firma Remondis. Sie schlugen ein Businessmodell für eine maximale Kreislaufführung im Fahrzeugbau vor, das wertvolle Rohstoffe in Europa halten soll. In diesem Modell zahlt der Kunde nur für die Nutzung des Fahrzeugs. Alle Materialien gehören einer Treuhand, zu der sie immer wieder gegen Prämienzahlungen zurückgeführt werden. Die größte Erlösquelle für die Hersteller wäre dann die Demontierbarkeit der Fahrzeuge und die Wiederverwertbarkeit der Teile. Der dritte Platz ging an Tarik Demirkol, Annika Harms und Maximilian Kalies, die ein Nachhaltigkeits-Empfehlungstool für die Konstrukteure der Firma Mercedes konzipiert hatten, das verschiedene Faktoren wie Gewicht, Kosten und CO2-Bilanz berücksichtigt.

Die Ringvorlesung „Meet the Circular Economy“ findet seit 2022 statt und ist öffentlich für alle Interessierten zugänglich. Sie wird auch im nächsten Sommersemester wieder angeboten werden.

 
Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Sandra Venghaus (Lehr- und Forschungsgebiet Ökonomie der Nachhaltigkeit)
+49 24180 90963
venghaus[at]sustainability.rwth-aachen.de
www.socecon.rwth-aachen.de/en/lehre/meet-the-circular-economy/

 

Vortragsübersicht

©Forschungszentrum Jülich

Beim ersten Termin ging es um Kreislaufwirtschaft in der chemischen Industrie. Dr. Stefanie Eiden präsentierte das Konzept der Firma Covestro zur Kreislaufnutzung von Hochleistungspolymeren, das neben der Entwicklung enzymatischer, chemischer und pyrolytischer Recyclingverfahren auch den Aufbau neuer Wertschöpfungsketten und Kooperationen umfasst. Wolfgang Kösters erläuterte den Ansatz der Firma WEPA, Hygieneprodukte aus Altpapier anstelle von Holz herzustellen und Papierfasern mehrfach zu recyceln. Das Thema Nachhaltigkeit wird entlang der gesamten Produktion adressiert, etwa durch eigene Solar- und Windparks. Auch bei WEPA spielt neben der Entwicklung der technischen Verfahren der Aufbau wirtschaftlicher Kooperationen eine zentrale Rolle, beispielsweise mit dem Lebensmitteleinzelhandel.

©Forschungszentrum Jülich

Beim zweiten Termin sprach Christian Myland von Thyssen Krupp über die Möglichkeiten und Perspektiven zur Dekarbonisierung der Zementindustrie, die 7-8% der anthropogenen CO2-Emissionen verursacht. Neue Verfahren zur CO2-Abscheidung bei der Zementherstellung sind nahezu marktreif, würden aber einen hohen Investitionsaufwand und eine deutliche Verteuerung von Zement mit sich bringen. Ihre Implementierung kann nur einem gesellschaftlicher Konsens und politischen Steuerungsmaßnahmen gelingen. Sebastian Köhne von Schüco stellte die Herstellung von Fensterprofilen aus recyceltem Aluminium vor, die ein CO2-Einsparpotenziel von bis zu 87% gegenüber herkömmlichen Profilen haben. Das Recycling von Baumaterialien wird häufig dadurch erschwert, dass sie als Abfall deklariert werden. Dennoch hat Schüco die Herstellung von Fensterprofilen aus „Low Carbon Aluminium“ etabliert, die fast zum gleichen Preis wie herkömmliche Profile angeboten werden können.

© Forschungszentrum

Am 13. Mai wurde die dritte Vorlesung von Marcel Gausmann von re.solution gestaltet. Er begann seinen Vortrag mit einem beunruhigenden Bild von Tonnen von Kleidungsstücken, die irgendwo in der Wüste abgeladen wurden. Sein Unternehmen re.solution hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Problem zu lösen, indem es sich dem Recyclingprozess von Altkleidern widmet. 
Textilien enthalten viel PET, das ohne Recycling verloren ginge. Das Start-up, das mehrere Preise gewonnen hat, darunter den RWTH-Spin-off-Award 2024 und den ACHEMA-Gründerpreis 2024, nutzt dieses PET zur Rückgewinnung von TPA-Monomeren. Diese Monomere können dann wieder für die Synthese von Textilfasern verwendet werden. Derzeit arbeitet das Team um Marcel Gausmann an der Skalierung des Verfahrens.

Bei der vierten Vorlesung am 2. Juni 2026 hielt Vanja Schneider einen Vortrag über die Aktivitäten der Moringa GmbH und die damit verbundenen ökologischen und sozialen Mehrwerte für die Stadtentwicklung. Er sprach von der Baubranche als aktuellem Haupttreiber des Ressourcen- und Energieverbrauchs so wie der Abfallgenerierung. Die Moringa GmbH zielt auf eine Transformation der Baubranche nach dem Cradle to Cradle Prinzip wobei Gebäude schlussendlich als Rohstofflager gesehen werden können und die Einzelteile nach Gebrauch getrennt und wiederverwertet werden können. Als Beispiel für die Umsetzung zeigte er ein eindrucksvolles Bauvorhaben in der Hamburger Hafencity.

Marcel Kunz stellte die Firmen TripleSolar und Voltara vor. Triple Solar bietet Wärmepumpen an, welche in Photovoltaik-Paneele integriert sind. Voltara arbeitet an Hardware- und Software-Lösungen für Heim-Energiesysteme. Im Fokus stand der Dreiklang aus Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit und Geopolitischer Sicherheit, als Grundlage für die Entwicklung und Etablierung einer neuen Technologie.

© Forschungszentrum Jülich

Am 23. Juni 2026 hielt Lennart Nübel bei der 5. Ringvorlesung einen Vortrag zu „Meet the Circular Economy“ aus der Perspektive der Firma REMONDIS. Remondis bietet Umwelt- und Industriedienstleistungen an und umfasst damit die Themen Recycling, Service und Wasser. In seinem Vortrag fokussierte er auf das Thema Abfälle und Recycling und betonte, dass die Kreislaufwirtschaft eine elementare Säule der Rohstoffgewinnung in Europa bedeutet und beleuchtete regulatorische und logistische Herausforderungen. Mit reECONIC stellte er ein Konzeptfahrzeug als Positivbeispiel für die zirkuläre Produktion vor.

Als weiteres stellten Camille Vicier, Head of Sustainability, und Sarah Straaten, ProcessTechnology Manager, in ihrem Vortrag „GEA for circular economy - From Production Site to Customer Process“ Aktivitäten der Firma GEA vor, die zu einer Kreislaufwirtschaft beitragen. GEA ist einer der weltweit größten Anbieter von Systemen und Komponenten für die Lebensmittel-, Getränke- und Pharmaindustrie. Der internationale Technologiekonzern setzt auf innovative Komponenten, Maschinen und Systeme für Spitzenleistungen in der ressourcenschonenden Produktion über unterschiedliche Anwendungsbereiche des täglichen Lebens und strebt dabei die Reduzierung der CO₂-Emissionen, Optionen ohne Frischwasserverbrauch und kreislaufwirtschaftsfähige Lösungen an. Als Beispiel für die Entwicklung nachhaltiger Lösungen wurden die Bestrebungen in „Pre2Fuel – Fuels from waste oils“ vorgestellt.

©Forschungszentrum Jülich

Beim sechsten Termin stellte Klaus Ruhland die Nachhaltigkeitsstrategie von Mercedes-Benz vor. Diese basiert unter anderem auf verstärkter Elektrifizierung und geringerem Luftwiderstand der Fahrzeuge, der Nutzung von „grünem“ Aluminium, das mit Strom aus erneuerbaren Quellen produziert wurde, sowie auf der Erhöhung der Recyclingquote. Letzteres ist bei Metallen gut umsetzbar, bei Kunststoffen aber schwierig, da die Entwicklung von Kunststoffen ein sehr dynamisches Feld ist. Chemisches Recycling wäre hier der sinnvollste Ansatz. Eine besondere Herausforderung besteht darin, die Umweltauswirkungen verschiedener Produkt-Konzepte umfassend zu vergleichen und eindeutige Empfehlungen für die Konstruktion zu geben.

Jule Klein von Discover Airlines sprach über die Herausforderungen und Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft im Flugverkehr. Das Recycling der Materialien aus ausrangierten Flugzeugen stellt ähnliche Herausforderungen wie das aus ausrangierten Autos. Beim Catering ist die Rückführung von Plastik schwierig, da die Mahlzeitenbehälter aufgrund von Seuchenschutzvorschriften nach Kontakt mit tierischen Produkten verbrannt werden müssen. Der Ersatz von Plastik durch Papier bzw. Pappe führt hier jedoch zu noch größeren Abfallvolumina. Schließlich ist die Emissionsreduktion weiterhin eine große Herausforderung, auch wenn der Kerosinverbrauch seit den 1990er Jahren um 50% pro Fluggast gesenkt werden konnte. Maximal 1% des benötigten Kerosins kann aktuell mit sustainable aviation fuels aus Biomasse gedeckt werden.